Mittwoch, 14. Oktober 2015

Trashfilmabend of the Dead V6 (Arthausu Edition) - Teil 1

Wo beginnt Trash und wo endet Kunst? Oder kann ein Film Trash und gleichzeitig Kunst sein? Nur zwei Fragen, denen wir uns in der aktuellen Reinkarnation unserer gemütlichen Zusammenkunft stellen mussten. Aber dazu später mehr.

Trashfilmabendinventar
Gute und sehr gute Filme gaben sich die Klinke in die Hand und vom Crowdpleaser bis zu für die gesellige Runde nicht ganz so passendem „Arthausu“ war alles vorhanden, was das Cineastenherz bluten oder frohlocken lässt. Wie auch die letzten Male wird Khalil, bekannt aus dem Celluleute-Podcast, ein paar launige und vor allem informative Gastkommentare beitragen. Und dann übergeb ich auch doch gleich das Wort.

Khalil: Tja, wie doch die Zeit verfliegt - vor drei Jahren hab ich den Münchner Trashfilmabend ins Leben gerufen und jetzt sind wir schon bei Nummer 6 angelangt. Wow, wer hätte gedacht, dass aus einer kleinen drei Mannrunde inzwischen ein Event werden kann, an dem sogar Gäste aus der Schweiz oder Südtirol sich blicken lassen?

Wie auch immer, aus organisatorischen Gründen gab es dieses Mal einen Ortswechsel, der ehrenwerte Markus, nennen wir ihn Bomber, hat sich spontan dazu bereit erklärt, in sein ehrenwertes und ruhiges Haus zu laden. Goffen wir mal, dass der Herr die Tage nicht die Kündigung seiner Wohnung bekommt, denn wie immer war Dank etwas Alkohol (sogar Grog für die unter uns Kränklichen wurde zubereitet) Gejohle und Gegröle vorprogrammiert.

Doch der Ortswechsel war nicht die einzige Neuigkeit, zum ersten Mal hat sich eine Dame in die Höhle der Trashfilmliebhaber gewagt und auch bei der Filmauswahl bin ich andere Wege gegangen - keine Trailershow und kein italienischer Endzeitstreifen. Aber keine Sorge, für italienische Verhältnisse wurde auf anderem Wege gesorgt.

Natürlich geht kein Trashabend ohne einen zünftigen Endzeitstreifen, dieses Mal allerdings nicht aus dem italienischen Genrekino, sondern aus DER Filmschmiede der 80er, der Cannon Group, denen wir schon Meisterwerke wie "Ein Mann sieht rot 3" oder "American Ninja" zu verdanken haben - allen Interessierten über dieses wirklich bemerkenswerte Studio sei hier noch der Podcast vom Entertainment Blog ans Herz gelegt, bei dem ich zu dem Thema Gast sein durfte.

Fairerweise muss man vorab sagen, dass Cannon durchaus sehr gute Filme produziert haben, 

dürfte allerdings nicht dazu zählen, auch wenn sich der Film selbst nicht ernst nimmt, mit Humor ist es allerdings so eine Sache, dafür braucht es Talent, und das hatten weder Darsteller noch der Regisseur. Aber keine Sorge, gelacht wurde dennoch, was eher am unfreiwilligen Humor sowie einer sehr launigen Synchro lag.

Zur Handlung - ja, wieder einmal sind die Bomben gefallen, alles am Arsch und die Welt wurde woggo .

Die Gesellschaft ist 900 Jahre nach dem Knall in zwei Klassen gespalten - den Frauls, die herrschende Klasse hoch zu Ross und schicken Fönalldreiwettertaftdiefrisursitzt-Betonfrisur, die über die bedauernswerten Männer herrschen, die in Machos und Besamer aufgeteilt werden.

Nicht alle Männer sind mit der Position zufrieden, so kommt es wie es kommen muss...

Im Grunde macht America 3000 einiges richtig - ein schönes 80er Flair dank Fönfrisuren der Damen und Powermetal aus dem Ghettoblaster, ein Setting, welches durchaus ein paar Dollar gekostet haben könnte, ja sogar ein zotteliges Monster kommt vor, was auch immer es wohl darstellen möchte - doch leider ist da immer noch die Sache mit dem Talent und die ist, wie bereits erwähnt - Fehlanzeige bei allen Beteiligten.

Dass der Film unter Trashgesichtspunkten dennoch funktioniert, das liegt meines Erachtens an der großartigen Synchro sowie den Wortspielereien, die es auch im Original gab. Die sorgten für einige Schenkelklopfer.

Für die "etwas" sexistische Handlung (man darf raten, durch was die Anführerin der Frauls zum Umdenken kommt)  gibt sich der Streifen außerordentlich zahm, trotz feschen Leder/MadMax/Schulterplatten des Bösen Looks ist nicht einmal eine barbusige Dame zu sehen, auch vom Gewaltgrad her bleibt es auf dem Niveau eines Kabeleins/RTL 2 Filmes an einem Sonntag Mittag. Da sind wir jedenfalls von den italienischen Pendants meilenweit entfernt, was man allerdings auch am Setting merkt, welches deutlich abwechslungsreicher und aufwändiger sind als die uns bekannten italienischen Industriegebietskulissen.

Leider gibt es den Film bisher nur als amerikanische DVD, man kann hoffen, dass sich irgendwann mal ein Label erbarmt, und ihn mit seiner launigen deutschen Synchro veröffentlicht, bis dahin bleibt einem wohl nichts übrig, als mal auf eine erneute Ausstrahlung bei den Privaten zu hoffen - jedenfalls, wenn auch das Budget höher war als gewohnt, kein schlechter Einstieg in den Abend.

Andreas: Ein amerikanischer Endzeitfilm, angesiedelt in der verstrahlten Endzeitödnis des untergangenen Amerikas einer nicht näher definierten Zukunft.

Die Ausgangslage ist einfach: Ganz Amerika wurde von Atombomben zerstört. Ganz Amerika? Nein, eine kleine Schar Menschen, streng getrennt nach Geschlechtern, kämpft um ihr Überleben und ihre Macht über das andere Geschlecht.

Die Frauen (genannt Frauls oder so ähnlich) sind in dieser Zeit die dominante Spezies. Die Männer wiederum trennen sich in Besamer (gut, der Name ist recht eindeutig), Machos (wilde ungekämmte Kreaturen) und Spielzeuge, deren Daseinszweck sich vom Besamer nicht allzu groß zu unterscheiden scheint.

So läuft das dahin, bis der ausdruckslose Held der Geschichte das nicht länger hinnehmen will. Zusammen mit ein paar der anderen Besamer flieht er aus der Gewalt der Frauen und mit dem Fund eines Buchstabierbuchs für Erstklässler ändert sich sein Leben rapide. Plötzlich können er und die anderen Besamer lesen, was in ihnen den Wunsch weckt, auch die anderen geknechteten Männer aus der Macht der Amazonen zu befreien.

An der Stelle breche ich mal ab und gehe näher auf den Film ein. Dass die meisten Darsteller nicht den Funken Talent haben, nun darüber kann man hinwegsehen. Dass der Film von Haus aus nicht wirklich ernst gemeint war, und trotzdem auf ganzer Linie versagt, darüber kann man vielleicht auch noch hinwegsehen. Nicht hinwegsehen kann man über die Betonfrisuren der Amazonen. Das komplette Weibsvolk wirkt wie aus einem 80er Posermetal-Video entsprungen, wozu häufig auch die eingespielte Musik passen würde.

Überraschend aufwändig fand ich aber die Kulissen. Anders als in diversen italienischen Heulern erinnern hier nicht 90 % der Kulissen an verfallene Industrieruinen oder die ewig gleichen Abwasserkanäle. Da steckt tatsächlich etwas Aufwand und Liebe zum Detail drin. Mehr, als man vom Rest des Films ausgehend erwarten konnte.

Die Handlung ist verworren und meistens unlogisch, das Rollenbild ist erschreckend altmodisch, die Schauspieler wirken nicht selten wie Pappaufsteller und die Frisuren, nun, die kann man nicht oft genug als schrecklich bezeichnen.

Fazit: Großartiger Einstieg und gelungener Crowdpleaser

Hui: Den Film gibt's komplett auf Youtube (mit englischem OT): 

Khalil: Und mit fortschreitendem Alkoholkonsum konnte man dann auch die Trashschraube hochdrehen, was beim zweiten Film des Abends definitiv der Fall war. Kein ernster Trashfilmliebhaber kommt an den Untiefen des türkischen 70er Kinos vorbei, welchem die Umschreibung "ein Kessel Buntes" nicht einmal im Ansatz gerecht wird. Vom blumigen Familiendrama über klassische Genremixturen aus dem Bereich Horror/Abenteuer/Sf/Historienkinos bis hin zur echten Exploitation ist alles dabei. Und jeder davon ist garantiert grottenschlecht bis ins Mark. :)

Mit
Wie tödlich sind 1000 Döner?
war zudem ein Vertreter am Start, der noch zwei besondere Extras hatte - zum einen war als Mitproduzent und Regisseur ein gewisser Herr Hofbauer mit am Start, der bereits mit "Karate, Küsse blonde Katzen" einen echten Clash of the Cultures produziert hatte. Dieses Mal gab es eine wilde Mischung aus italienischem Abenteuerfilm und türkischem Kino, best of both worlds sozusagen. Dazu noch mein persönliches Highlight: der Hauptdarsteller. Der Großmeister des türkischen Kinos, Cüneyt Arkin - eine wilde Mischung aus Pierre Briece, Elvis und Indiana Jones. Und noch mehr.

Viel viel mehr, wenn man seine Filmographie betrachtet, die 270 Filme als Darsteller umfasst. Ach, Regisseur war er auch noch. und Drehbuchautor. Außerdem Meister einer Kampfkunst, die irgendwo zwischen Bud Spencer, Bruce Lee und einem zugedröhnten Ochsenfrosch angesiedelt ist - so schön springen und fliegen kann jedenfalls keiner. Stilsicher mit stahlblauen Augen und einem ausdruckslosem Gesicht, dem er nur sehr limitiert Gefühlsregungen entlocken kann. Meine Herren, was für ein Typ!

Handlungstechnisch nur das Notwendigste. Denn dieser zu folgen war trotz simpler Story für den geneigten Zuschauer nicht ganz so einfach - wilder Schnitte, unzusammenhängender und sich wiederholender Szenen sei Dank.

Der böse Fürst Mustafa herrscht mit eiserner Hand und einem geheimnisvollem weißem Pulver aus China, mit dem er seine Gefolgsleute gefügig macht, über sein Reich - bis der geheimnisvolle RÄCHER Kara Murat mit ihm und gegen seine Gesellen den Kampf aufnimmt...
Ja, man sieht dem Film durchaus an, dass er etwas mehr als die üblichen türkischen Produktionen gekostet hat - aber viel kann es nicht gewesen sein. Selbst vor Weihnachtsdekoration wurde nicht halt gemacht, um die Bude des Herrschers etwas aufzupimpen oder es ist in die äußerst kreativen Kopfbedeckungen der Darsteller geflossen. Solche edlen Turbane wie in den ersten 20 Minuten bekommt man nicht einmal an einem Folkloreabend in einem türkischen All Inclusive Hotel zu sehen.

Dazu obenauf noch ein paar äußerst lustlose Nackttänze einer Hauptdarstellerin, Männer mit sehr Schnurbärten, Ali Baba sowie dem türkischen Pedant des "Beißers", einem DER Bösewichte aus James Bond. Sowie eben der eingangs erwähnte Cüneyt Arkin, dessen wahre Talente bei den unzähligen Kampfszenen zur Geltung kommen. Einer der Anwesen (Das war ich! Anm. von Andreas) will einen gewissen Einfluss des italienischen Kinos ala Bud Spencer erkannt haben, allerdings, wer Turkish Star Wars kennt, der weiß - der Mann kämpft immer so.
Und erschreckenderweise scheint er sich dabei sehr ernst zu nehmen - wie der Film tatsächlich sich selbst auch. Denn auch wenn man es kaum glaubt - das war eine absolut ernstgemeinte Produktion.

Auch wenn der Film handlungstechnisch leider ein paar Längen hat, für einen Einstieg in die wunderbare Welt des türkischen Kinos sowie für einen launigen Trashabend auf jeden Fall eine klare Empfehlung, zumal es einem offiziellen deutschen Release gibt, was aus diversen Gründen bei den wenigsten Vertretern aus der Türkei der Fall ist.

Andreas: Um auch mal Exoten eine Chance zu geben, hat der Lord für uns ein besonderes Schmankerl organisiert. Kara  Murat – Der Rächer Anatoliens ist eine türkisch/italienische Koproduktion mit dem türkischen Superstar Cüneyt Arkin.

Die Handlung ist nicht so einfach in Worte zu fassen. Grundsätzlich geht es um einen bösen Fürst, der sich samt Tochter vom Khan lossagt. Um seinen Forderungen nach Selbstbestimmung Nachdruck zu verleihen, entführt er die Botschafter des Khans und schickt eine Attentäterin, um den Khan zu warnen. Der überlebt den Anschlag, der aber ohnehin nicht seinem Leben galt, und schickt daraufhin Kara Murat, die Einmannkampfarmeemaschine, um dem Fürst den Marsch zu blasen.

Der Fürst bekommt davon Wind und schickt wiederum seine Schergen, um Lothar, den Cousin/Bruder/Schwager/Weißichnichtmehr von Kara Murat entführen, und seine Frau töten zu lassen.

Im Mittelteil passiert jetzt so einiges, was nicht immer Sinn ergibt. Auf jeden Fall kämpft Kara Murat abwechselnd gegen und für die Tochter des Fürst, gegen Ali Baba und seine 14 Räuber (mehr sinds nicht!), dann gegen und für den Fürst, dann noch gegen eine Gruppe Chinesen und am Ende zusammen mit Lothar erst gegen die Tochter, die sich mittlerweile gegen ihren Vater gewandt hat, dann gegen den Vater, dann gegen die Tochter und am Ende explodiert die Burg des Verräters.

Da verwundert es nicht, dass einige Anwesende der Handlung nicht mehr so recht zu folgen wussten und selbst dem aufmerksamen Zuschauer entging die eine oder andere Motivation für den plötzlichen Sinneswandel des Helden.

Die Machart des Films wechselt immer wieder von der wahrscheinlich ernst gemeinten Rahmenhandlung zu slapstickartigen Kämpfen, denen die italienische Expertise deutlich anzumerken ist (und daran halte ich fest!). Die Kulissen sind nicht selten billige Spanplatten und Gips-Konstruktionen, die immerhin bunt bemalt wurden. Schlimm oft der Übergang von Innen- zu Außenkulisse, die viel zu selten zusammenpassen. Und dann sind da noch die Kostüme. Vor allem die Kopfbedeckungen, die abwechselnd ausschauen wie aufgetürmte Klopapierrollen oder zusammengefaltete Kissen. Zudem finden sich in dem Film so ziemlich alle Stereotypen, deren Verwendung westlichen Filmemachern nicht zu Unrecht vorgeworfen werden würde. Dazu kommt noch eine Bildqualität, die von Super 8 zu immerhin fast-DVD-Niveau pendelt.

Immerhin hab ich gelernt, dass Schießpulver erst explodiert, wenn es wahlweise eine Treppe hinab geworfen wird, oder man einen Stock aufs Fass schmeißt. Muss man wissen.

Fazit: Kara Murat ist für wahr der Rächer Anatoliens am westlichen Kino

Noch ein Hui: Auch Kara Murat hat es auf Youtube geschafft und spricht dort sogar Deutsch: 



Weiter zu Teil 2

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